
China und Europa
Den Zerfall der Ming-Dynastie nutzten die Mandschurei aus. 1644
stürzten sie die Ming und errichteten eine eigene, die
Qing- Dynastie, die letzte werden sollte. Die Mandschurei waren
aus den Norden, einem Nomadenvolk, das am Songhua-Fluss siedelte,
hervorgegangen. Gegen Ende des 16. Jahrhunderts war es ihrem
Fürsten Nurhaci gelungen, die Nomadenstämme zu einigen
und 1616 eine eigene Dynastie im Nordosten zu errichten. Er
eroberte in den Folgejahren weitere Gebiete, schließlich
Peking. Ende des 17. Jahrhunderts hatten die Qing das gesamte
chinesische Kernland eingenommen. Mit mehreren großen
Feldzügen in den zentralasiatischen Raum und nach Süden
konsolidierten sie ihre Macht und eroberten neue Gebiete. 1683
war Taiwan okkupiert, hinzu kam die Eingliederung Tibets und
Ostturkestans (Xinjiang). Den Höhepunkt ihrer Macht erreichten
sie Mitte des 18. Jahrhunderts, als ihr Territorium über
11 Mio. km² umfasste.
Im Nordosten erstreckte sich das Qing-Reich nun über den
Fluss Heilongjiang hinaus, im Süden mussten Nachbarstaaten
wie Burma, Nepal und Vietnam die chinesische Oberhoheit anerkennen.
In der Qing-Zeit war die Bevölkerung bereits auf über
400 Millionen angewachsen. Die ersten 150 Jahre der Mandschu-Herrschaft
- mit bedeutenden Kaisern wie Kangxi (1662-1722) und Qianlong
(1736-1796) - waren neben einer Periode der Expansion auch eine
der Stabilisierung. Durch eine milde Steuer- und Landwirtschaftspolitik,
die Vergrößerung der Anbauflächen, die Förderung
des Handwerks und den Aufbau von Industrie (Bergbau, Salzgewinnung
etc.), den verstärkten Außenhandel und nicht zuletzt
durch die Instandsetzung und den Ausbau der Wasser- und Dammbauten
gelang eine Ankurbelung der Wirtschaft. Die Qing-Kaiser verließen
sich von Anbeginn auf die konfuzianische Administration, manche
galten sogar als ausgesprochen orthodoxe Konfuzianer, gleichzeitig
huldigten sie aber weiter ihren schamanistischen Auffassungen
und waren zudem meist noch gläubige Lamaismus.
Das Qing-Reich wurde von den mandschurischen Klans, an deren
Spitze der Kaiser stand, durch ein streng patriarchalisches
System regiert. Die Chinesen waren deklassiert. Äußeres
Zeichen dafür der Zopf, dessen Tragen ihnen auferlegt wurde.
Gegen Ende des 18 Jahrhunderts nahm die Zahl der Aufstände
zu, die ihre Ursache meist in der unerträglichen Ausbeutung
der Bauern durch lokale Beamte und in der wachsenden Besteuerung
hatten. Den Hintergrund für den Zerfall des Reiches bildete
der wachsende Widerspruch zwischen der enormen Bevölkerung
Chinas (1850 waren es bereits 430 Millionen Menschen gegenüber
226 Millionen Menschen in Europa) und der technologischen Stagnation
seit der späten Ming- und der frühen Qing-Dynastie.
Das technische Potential und die kultivierbare Bodenfläche
erschöpften sich bald bei der zunehmenden Bevölkerungsdichte.
Als wesentlich bedrohlicher sollte sich aber die Ankunft jener
erweisen, die in China so gerne "Barbaren" genannt
werden.
Marco Polos Berichte von einem sagenhaften Land im Osten versetzten
viele seiner Zeitgenossen in ungläubiges Erstaunen. Aufgrund
seiner Ausführungen nannte man ihn gar <<il Milione>>
- den Aufschneider. Die Zeit der Mongolenherrschaft im 13. und
14. Jahrhundert brachte zum erstenmal in der Weltgeschichte
eine länger währende und organisierte Verbindung zwischen
Ostasien und Europa.
Die Ming-Dynastie hatte zwar anfangs noch Expeditionen zu Schiff
ausgesandt, die bis in den Pazifik und an die Küsten Arabiens
vordrangen, aber auf Befehl des Kaisers Yongle wurde die Flotte
mit der Begründung zerstört, China habe es nicht nötig,
andere Erdteile zu bereisen. Diese Selbstzentriertheit war eine
der Hauptursachen dafür, dass China die wirkliche Bedeutung
des allmählichen Vordringens der Europäer nach Asien
nicht begriff. Bis zur Ankunft der Portugiesen im 16. Jahrhundert
in Kanton war für die Chinesen ihr Land das <<Reich
der Mitte>>, das Zentrum von Zivilisation und Kultur.
Der chinesischen Vorstellung entsprechend herrsche der Kaiser
dank seiner überlegenen moralischen Tugenden; und diese
moralischen Qualitäten konnte er allen, Chinesen und nichtchinesischen
Barbaren, zuteil werden lassen. Kamen Gesandte nomadischer Stämme
oder südostasiatischer Gebiete nach China, so geschah dies
nach chinesischer Auffassung vor allem, um sich der Gunst des
Kaisers zu versichern und um von der chinesischen Kultur zu
lernen. Die Gesandtschaften solcher Völker erschienen zumeist
mit Tributen am Kaiserhof, wo sie fürstlich bewirtet wurden,
und zogen dann oft mit Gegengeschenken nach Hause, die qualitativ
bei weitem das übertrafen, was sie mitgebracht hatten.
Dies war Ausdruck einer herablassenden Großzügigkeit
oder aber eines diplomatischen Kalküls keineswegs aber
einer Begegnung von Gleichgestellten. In dieses Vorstellungsraster
wurden auch die ersten Ausländer, die in der zweiten Hälfte
der Ming-Dynastie ins Reich der Mitte kamen, eingeordnet.
Ankunft der Europäer in Südchina
Die ersten Portugiesen landeten 1517 an der südchinesischen
Küste bei Kanton. Sie wurden als Tributüberbringer
aus einem fernen Lande beschrieben. Bei der Ankunft feuerten
die Portugiesen Salutschüssen ab und versetzten die Chinesen
in helle Aufregung, waren doch Waffen zu jener Zeit in Kanton
verboten und diese Begrüßungssitte unbekannt. Missverständnisse,
gegenseitige Missachtung und Misstrauen prägten die Beziehungen.
Den Portugiesen folgten Spanier, Holländer und Briten.
Im 16.Jahrhundert kamen die ersten europäischen Missionare,
Matteo Ricci, der Begründer der katholischen Mission in
China, und Adam Schall von Beil. Zwar waren sie in der Missionierung
nicht sehr erfolgreich, aber es gelang ihnen dank ihrer vorzüglichen
wissenschaftlichen Kenntnisse, am Kaiserhof Fuß zu fassen
und Berater des Hofes zu werden. Sie gerieten in den Bann der
chinesischen Kultur und waren fasziniert vom Konfuzianismus.
Faszination oder aber abschätzende Ablehnung bestimmte
das vor allem durch die jesuitischen Missionare geprägte
Chinabild in Europa. An den europäischen Fürstenhäfen
waren im 17. und 18. Jahrhundert Chinoiserien in Mode; vornehme
Häuser hatten ihr Chinazimmer, und so mancher europäische
Gelehrte war von chinesischen Theorien und Auffassungen beeindruckt,
wie etwa Wilhelm Leibniz, der unter dem Einfluss des <<
Buch der Wandlungen>> eine binäre Zahlentheorie entwickelte,
die später die Grundlage für Computertechnologie werden
sollte. Bei anderen, wie etwa bei Hegel und Karl Marx, stieß
China auf Ablehnung, es galt als das große Reich der Despotie
und Stagnation, ein Land ohne Entwicklung, das sich, wie das
buddhistische Rad des Lebens, in einem ewigen Kreislauf bewegte.
Beginn der Kolonisierung
Ende des 18.Jahrhunderts war nach vielversprechendem Beginn
die christliche Mission von den chinesischen Kaisern wieder
verboten worden. Noch 1793, in Großbritannien die Zeit
der Industriellen Revolution ließ Kaiser Qianlong einem
britischen Gesandten mitteilten, China sei wirtschaftlich reich
und könnte sich selbst versorgen, es brauche keine Güter
aus dem Ausland. Ende des 18. Jahrhunderts durfte lediglich
der Hafen von Kanton von ausländischen Handelsschiffen
angelaufen werden; die Geschäftsbeziehungen unterlagen
strengen Bestimmungen. Aber nach und nach begannen sich die
Verhältnisse zu Ändern. Die Qing-Dynastie, die um
1800 den Höhepunkt ihrer Macht Überschritten hatte,
nahm die zunehmende und qualitativ neue Bedrohung, die übers
Meer kam, nicht wahr. Fixiert auf die zentralasiatischen Gebiete
mit den kriegerischen Nomaden, unterschätzte sie die modernen
Waffen der <<Barbaren>>: Waren, Kapital und Kanonen.
Denn letztlich waren es diese, die China den ausländischen
Kaufleuten und Firmen öffneten.
Zu einem entscheidenden Faktor entwickelte sich dabei der Handel
und Schmuggel von Opium. Die Chinesen hatten lange Zeit die
Monopolstellung für den Großbritannien sehr belieben
Tee innegehabt. Dadurch war mehr und mehr Silber nach China
geflossen. Der Import von Waren wurde aber aus den vorgenannten
Gründen abgelehnt. Um 1816 fasste die Britische Ostindische
Kompanie den Beschluss, verstärkt Opium nach China zu exportieren,
das sie sich wiederum in Silber bezahlen ließ. So geriet
die chinesische Handelsbilanz, gebunden an den Materialwert
des Silbers, 1825 ins Minus. Als Gegenreaktion wurde 1839 der
Opiumhandel verboten, die chinesische Regierung ließ 20
000 Kisten Opium in Kanton beschlagnahmen und demonstrativ verbrennen.
Für die Briten war dies ein willkommener Anlass, ihre Überlegenheit
zu demonstrieren und Chinas Tore endgültig für die
britische Industrie, für Opiumhändler und Missionare
zu öffnen. Die britische Flotte drang während des
Ersten Opiumkriegs (1839-1842) bis Nanjing vor. Dort kapitulierte
der Qing-Kaiser und musste laut Vertrag von Nanjing, dem ersten
der zahlreichen <<ungleichen Vertrag>> (wie sie
in China bis heute genannt werden), eine Entschädigungssumme
von 21 Mio. Silberdollar zahlen, fünf Häfen - darunter
Shanghai und Kanton - öffnen, dort den Ausländern
Exterritorialität zugestehen sowie die Insel Hongkong als
Kolonie <<für immer>> abtreten.
Ob dem Qing-Kaiserhof bewusst war, welch weitgehende Konsequenzen
diese Zugeständnisse hatten, ist zweifelhaft. Unfähig,
die Zeichen der Zeit zu verstehen, wurde gar versucht, die Kosten
des verlorenen Krieges auf die Bevölkerung abzuwälzen.
Eine Folge davon war der Taiping-Aufstand (1858-1860) drangen
britische und französische Truppen bis Peking vor. Der
Kaiser floh, und sein Sommerpalast wurde in Schutt und Asche
gelegt. Die diesem Krieg folgende Konvention von Peking brachte
die endgültige Öffnung Chinas für das Ausland.
43 Häfen waren nun den westlichen Kaufleuten zugänglich;
Abenteurer, Forscher, Kaufleute und Missionare durften sich
in China frei bewegen, und die Handelstätigkeit wurde nicht
mehr vom Kaiserhof kontrolliert.
Weitere Kolonialmächte folgten dem Beispiel der Briten:
Russland mischte im Aufteilungspoker um China mit, 1895 schloss
sich Japan an, das den Krieg mit China gewonnen und damit die
Kontrolle Über Korea und Taiwan erhalten hatte. Das Deutsche
Reich Übereignete sich selbst Teile der Provinz Shandong.
Das Qing-Reich erwies sich als unfähig, diesen Herauforderungen
entgegenzutreten. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts
steigerte sich die Fremdenfeindlichkeit bei rückwärts
gewandten Teilen der chinesischen Bevölkerung, ab 1897
insbesondere in der Provinz Shandong, wo die Deutschen sich
Teile der Jiaozhou-Bucht als Pachtgebiet angeeignet hatten und
die Missionstätigkeit auf zunehmenden Protest und Widerstand
stieß.
Die sogenannten Boxer belagerten 1900 für zwei Monate die
ausländischen Gesandtschaften in Peking, wurden dann aber
von einer alliierten Armee vertrieben, die dabei erneut schwere
Zerstörungen in der Hauptstadt anrichtete.
Das Ende der Monarchie
Die Boxerbewegung war einerseits reaktionär auf den unveränderten
Erhalt der Monarchie ausgerichtet, andererseits Vorbote eines
wachsenden Nationalbewusstseins. In China wuchs eine neue politische
Kraft heran, die eine nationalstaatliche Vereinigung des Landes
auf republikanischer Grundlage propagierte. Hauptvertreter war
Sun Yatsen, der sich von westlichen und christlichen Idee der
Aufklärung inspirieren ließ. Er hatte im Ausland
studiert, musste dort Asyl suchen und zog sich oft genug aus
Angst vor Verfolgung in die ausländischen Bezirke zurück.
Zwar spielen die Republikaner nach dem Sturz der kaiserlichen
Dynastie zunächst keine große Rolle, aber ihr Einfluss
wuchs, vor allem nachdem sie die Nationale Partie (Guomindang,
GMD) gegründet hatten.
Neben der republikanischen Bewegung hatten bereits gegen Ende
des 19. Jahrhunderts verschiedene Gelehrte versucht, den drohenden
Niedergang mit einer <<Bewegung der Selbststärkung>>
und der Reform der Monarchie aufzuhalten. Sie wollten vom Westen
Waffen, Technik und Wirtschafsystem Übernehmen und en Konfuzianismus
von seinen schlimmsten Auswirkungen befreien - etwa das System
der Beamtenprüfungen abschaffen. 1898 konnten die Reformer
tatsächlich den noch jungen Kaiser Guangxue auf ihre Seite
ziehen und zu Veränderungen Überreden, die als <<100-Tage-Reform>>
bekannt wurden, weil nach dieser Zeit die konservative Fraktion
am Hof unter der Führung von Guangxues Tand, der Kaiserinwitwe
Cixi, alle Reformen beendete und den Kaiser in einem Hofhaus
im Sommerpalast internierte, wo er bis zu seinem Tod 1908 bleib.
Doch der Zerfall der Monarchie ließ sich nicht mehr aufhalten.
Auch Cixi starb 1908, wenige Tage nach Guangxue, und war nur
noch in der Lange gewesen, einen weiteren Neffen, den dreijährigen
Puyi, auf dem Thron zu installieren. Inder hatten in China häufig
nominell geherrscht, während im Hintergrund nahe Verwandte
und hohe Beamte als Regenante die Fäden zogen. Doch zu
Beginn des 20. Jahrhunderts brachten eben jene lieber die Schätze,
derer sie habhaft werden konnten, aus dem Palast und zogen sich
in ihrer ummauerten Anwesen im Noren der Hauptstadt zurück.
Die Monarchie brach zusammen, der Kaiser dankte 1911 formell
ab und stützte Phase von Chaos und Gewalt. Eine hundertjährige
Aufholjagd begann, um erneut mit Europa gleichzuziehen.
|